HOG Kronstadt


KRONSTADT UND DIE SCHWARZE KIRCHE: 

DIE ORGELN DER SCHWARZEN KIRCHE

Herausgeber: Schweizerische Stiftung für Orgeln in Rumänien
Fotos: Martin Rill

Das Wahrzeichen Kronstadts, die Schwarze Kirche, gilt als der bedeutendste gotische Kirchenbau Südosteuropas.

Die Nähe der verkehrswichtigen Karpatenpässe und somit der wichtigsten südosteuropäischen Verkehrswege begünstigte die wirtschaftliche Entwicklung Kronstadts zur zeitweise bedeutendsten Fernhandeisstadt Siebenbürgens im Mittelalter. Das spätere Kronstadt ging aus mehreren, ursprünglich gesonderten Siedlungen hervor: Obere Vorstadt, Bartholomä, Martinsberg und Innere Stadt. Corona (Innere Stadt) gelang es die benachbarten Siedlungskerne zu beherrschen und erhielt noch im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts das Stadtrecht, das 1353 neu bestätigt wurde. Jüngeren Datums ist die im Osten gelegene Vorstadt Blumenau, die vornehmlich von Magyaren bewohnt war.
Gleichzeitig baute Kronstadt seine politische Vormachtstellung aus. Ähnlich den Städten im Deutschen Reich mit ihrer republikanisch demokratischen Verfassung hatte die Stadt Recht auf Selbstverwaltung, eine eigenständige Wehr und Steuerhoheit und eine fast vollständige eigene Gerichtsbarkeit. Die günstige Verkehrslage und die der Stadt gewährten Privilegien der ungarischen Könige ermöglichten die Entwicklung Kronstadts zu einem leistungsfähigen Produktionszentrum und bedeutenden Umschlagplatz von Waren. Diese führende Rolle hat die Stadt in den folgenden Jahrhunderten trotz der über drei Jahrhunderte andauernden Türkeneinfälle nie eingebüßt. Die Wirtschaftsbeziehungen der Fernhandelsstadt reichten von der Levante bis zum Atlantik und zum Mittelmeer. Ständige Handelsbeziehungen unterhielt Kronstadt in erster Reihe aber mit der Moldau und der Walachei. Die Kaufleute der Zinnenstadt erhielten von den rumänischen Fürsten über das ganze Mittelalter bis in die Neuzeit zahlreiche Privilegien.

Das Wahrzeichen Kronstadts, die Schwarze Kirche, gilt als der bedeutendste gotische Kirchenbau Südosteuropas.

Der Bau der Hallenkirche mit westlichem Glockenturm fällt in das Jahr 1383, ihre Vollendung in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. Trotz der vorgesehenen Doppelturmanlage im Westen blieb es bei einem Turm (Anfang des 16. Jahrhunderts), an den sich eine dreischiffige, sechsjochige Halle mit zweieinhalbjochigem Chor anschließt. Die Strebepfeiler im Chorbereich tragen Plastiken.
Die Stadtpfarrkirche, der Jungfrau Maria geweiht, um 1480 vollendet, hat im Inneren im Laufe der Zeit große Veränderungen erfahren, nicht zuletzt 1689 die Zerstörungen durch den großen Brand. Als Folge der gewaltigen Brandspuren bekommt sie ihren Namen Schwarze Kirche. Durch den Wiederaufbau erhält der Innenraum Emporen über den Seitenschiffen (1710 - 1714) und ein barockes Tonnengewölbe mit Stichkappen (1762 - 1772), sowie eine neue Innenausstattung. Die neugotische Umgestaltung des Chores findet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt. Zahlreiche wertvolle Sehenswürdigkeiten bietet die Kirche dem Besucher: Taufbecken (1472), das Marienfresko (1477), Kirchengestühl aus dem 18. und 19. Jahrhundert, anatolische Teppiche, zahlreiche Goldschmiedearbeiten, einige Grabsteine der Kronstädter Würdenträger, sowie die Buchholzorgel aus den Jahren 1836 - 1839. Die Orgel mit 3.993 Pfeifen gehört zu den bedeutendsten Europas.

Das Erdbeben im Jahre 1977 zog das Gotteshaus stark in Mitleidenschaft. In den siebziger Jahren begannen Restaurierungsarbeiten, die 1999 am Gebäude beendet wurden. Abgeschlossen wurden die aufwendigen Restaurierungsmaßnahmen mit der Orgelrenovation. Mit der Orgelweihe am 14. Oktober 2001 erstrahlt die Kirche nun im neuen Glanz.


DIE ORGELN DER SCHWARZEN KIRCHE

Die erste Orgel der Marienkirche (Schwarze Kirche) die schriftlich erwähnt wird, stammt aus dem Jahre 1499. Es ist anzunehmen, dass es auch vorher schon Orgeln gab. In Kronstadt wird 1427 ein Organist erwähnt oder auch 1429 in Marienburg bei Kronstadt. Auf der Orgel von 1499 spielte Hieronymus Ostermeyer bis zum Jahre 1551. Seine Kunst war weitgerühmt. Die Musik hatte zu der Zeit eine erstaunlich hohe Rangordnung. Gleich nach dem Rektor der Schule stand der Schul und Kirchenkantor. Organisten hatten einen gehobeneren Stand als andere Musiker wie Stadtpfeifer oder Musikanten und waren bei Nobilitierungen bevorzugt. Im Jahre 1594 wird die Orgel umgeändert (ein Neubau ?), Michael Hermann ist wohl der bekannteste Organist in dieser Zeit. Eine Erweiterung der Orgel gab es 1673 (16 Jahre vor dem verheerenden Stadtbrand von 1689), eine zweite Orgel stammte aus einem Kronstädter Kloster und kam nach der Reformation in die Marienkirche, wo sie im Altarraum stand. Auf diesem Instrument spielte Daniel Croner, der auch eine Sammlung von Stücken für Tasteninstrumente herausgab, Kompositionen die er auf seinen Wanderungen durch Europa sammelte. Aus den Resten der abgebrannten Orgel und Neuzugängen schafft der berühmte Johannes Vest eine Orgel mit Standort im Altarraum (angelehnt an die Mauer der oberen Sakristei). 1728 schenkt der Kürschner Croner der Kirche ein Positiv. 1836 ist dann der Platz auf der Westempore frei für die neue Buchholzorgel die 1836 - 1839 erbaut wurde. Durch größere Veränderungen: neugotischer Altar, Treppentürmchen, besonders aber durch den neuen Holzfußboden und die damals noch nicht aufgehängten anatolischen Teppiche hat sich die Akustik wie sie zu Buchholz' Zeit war, verändert. Die vergrößerte Empore vor der Orgel sowie die fixen Chorpodeste schlucken auch einiges vom Ton der Orgel.
Nach ihrer Erbauung gehörte die Buchholzorgel zu den bedeutendsten Orgeln Europas. Die Substanz ist so gut wie vollständig erhalten, weil nichts vom Pfeifenbestand verloren gegangen ist und die geringfügigen Veränderungen rückgängig gemacht wurden. Auch die originale Stimmtonhöhe und der Winddruck wurden auf den Ausgangszustand rückgeführt.

Die Vorgeschichte der Erbauung dieser ..Perle der evangelischen Kathedrale auf die zu sorgen das löbliche Presbyterium die äußerste Pflicht hat..." wie Musik Direktor Heinrich Mauss (der von 1841 - 1876 an der Schwarzen Kirche wirkte) sich äußerte, ist im folgenden kurz skizziert: Schon 1829 konstituierte sich eine Orgelbaukommission die vom Kronstädter evangelischen Lokalkonsistorium (Presbyterium) tatkräftig unterstützt wurde. Zunächst appellierte man im November 1833 an den Wiener Orgelbauer Deutschmann. Als von hier keine oder nur halbherzige Zusagen kamen, sah man sich im Königreich Preußen um und der Theologe Josef Dück wies auf die hervorragende Orgel von Buchholz in der Marienkirche in Frankfurt/Oder hin (erbaut 1834 mit drei Manualen und 54 Registern). Diese Orgel ist heute leider nicht erhalten.
Drei Kronstädter Musiker: Johann Plajer (Generalbasskundig), der Orgelbauer Petrus Schneider und der Organist Wagner nahmen sich der Sache Orgelneubau an. Der Orgelbaufirma Buchholz wurden die Bedingungen (Dauer der Aufstellung, Preis, Transportkosten, Zollbestimmungen, Ratenzahlungen, Kunsttischlerarbeiten, Vergoldung des Gehäuses usw. unterbreitet). Am 24. August 1835 wurde ein Kostenvoranschlag und Dispositionsentwurf in Kronstadt vorgelegt, der unverändert übernommen wurde. Am 19. September 1835 kam es zu einem Contract, der im Oktober von Buchholz unterzeichnet wurde: "Vermöge dem gegenwärtigen Contract verpflichtet sich H. C. A. Buchholz ... in die erwähnte Kronstädter Kirche eine neue Orgel mit 4 Manualen zu 56 Tasten, einem Pedale zu 27 Tasten, 62 klingenden Stimmen (daraus wurden dann aber 63) und 76 Registerzügen, genau nach der durch ihn aus Berlin unterm 24ten August i. J. nach Kronstadt überschickten Original Disposition angegebenen durch ihn zu bewerkstelligenden Bestandteilen, und zwar nicht nur in der Quantität sondern auch Qualität u. Solidität, wie solche in dieser Disposition einzeln beschrieben worden sind, wie auch in der Form, wie diese in der unterm nehmlichen Tag nach Kronstadt geschickten Skizze(n) zum Bau des Orgelhauses zu sehen ist, um und für einen stipulierten Preis von baaren Zehn Tausend Zwei Hundert und Vier Zwanzig Thalem in preußischem Courant zu verfertigen, und diese neue Orgel auf dem Teil der Emporkirche aufzustellen weicher sich dem Altar gegenüber befindet..." Neben den oben genannten Bedingungen geht es nun ins Detail z.B. kommen aus Berlin neben Carl August Buchholz drei unentbehrliche Gesellen, unter ihnen Pohl und Maywald, nach Kronstadt. Auch ein Sohn von Buchholz "ein Jüngling" soll dabei gewesen sein. In Kronstadt stoßen auch andere Arbeiter dazu unter anderen auch der 18jährige Carl Schneider (der Sohn vom Orgelbauer Petrus Schneider), der später zusammen mit Maywald die siebenbürgische Orgellandschaft durch eine Reihe von Neubauten bereichern sollte. Ihre größten Orgeln stehen auch heute noch nahezu unverändert in Großalisch, Agnetheln, Großlasseln, Gherla, Klausenburg und anderen Gemeinden.
Den Orgelbauern wird in der Oberen Vorstadt kostenlose Unterkunft in den drei Jahren gewährt. Außerdem wird eine Garantiefrist von einem Jahr veranschlagt und die letzte Rate wird auch nur nach diesem Jahr gezahlt. Die verwendeten Materialen sind von feinster Qualität: reines englisches Zinn, Berliner Probezinn, gutes Orgelmetall, Kienholz, Fichtenholz, astfreies Eichenholz, Federn aus Messing, hochwertiges Leder, etc. Die Tasten sind mit Elfenbein belegt und die Obertasten aus Ebenholz, die Benennungen der Register sind auf Porzellan unter Glas geschrieben. Die Verzierungen: Consolen, Türme, Giebel sind mit Bildschnitzereien aus Lindenholz versehen und geschmackvoll vergoldet.
Die Einweihung am 17. April 1839 sollte dann die hochgesteckten Erwartungen noch übertreffen. Es erklangen laut vorhandenem Programm keine Orgelsolowerke wohl aber Improvisationen. Ferner wurden zwei Kantaten von Friedrich Schneider aus Dessau und Johann Lucas Hedwig aus Kronstadt aufgeführt. Volltönender Gemeindegesang aus über 1000 Kehlen, eine Festpredigt des Stadtpfarrers Greissing und eine Begeisterung ohnegleichen hatten diesem Ereignis die verdiente Würde verliehen. Zum Abschluss erklangen Teile aus dem Messias von Händel. An der Orgel Carl August Buchholz. Mehrere Tage lang erklärte dieser den Interessierten das Innere der Orgel, praktisch an der Orgelbank sitzend.

Zu einer Orgel dieser Ausmaße gehörten auch Orgelbauer von Format, die diese pflegten. Da wären zunächst Schneider und Maywald zu nennen, es folgen chronologisch Josef Nagy, Karl und Otto Einschenk und Nachkommen. Es ist ein Geschenk höchster Güte, dass wir heutzutage in Kronstadt gerade die größte Orgel von Buchholz haben dürfen und das in dem wohl originalsten Zustand. Dadurch kann dieses Instrument seine Stimme in Klängen zu uns erheben, die wir sonst nirgends so erleben können.

Die Chororgel der Schwarzen Kirche wurde 1861 von Carl Hesse aus Wien für die nordsiebenbürgische Gemeinde in Lechnitz gebaut. Von da kam sie 1907 nach Paßbusch und nach 80 Jahren in desolatem Zustand nach Kronstadt. 1997 wurde sie von der Firma Stemmer/Zumikon vorbildlich restauriert und wird sinnvoll in Gottesdiensten und Konzerten genutzt. Sie hat ein Manual mit angehängtem Pedal, 8 Register und ist nach italienischem Vorbild mit weichen Flötenstimmen und geteilten Einzelzügen für die Mixtur disponiert. Der Kammerton ist auf 440 Schwingungen gestimmt, während die Buchholzorgel ungefähr bei 450 liegt. Orchesterinstrumente, besonders Bläser, können nur mit der Hesseorgel begleitet werden. In Siebenbürgen sind noch mehrere Orgeln von Hesse erhalten: So in Meschen, Hermannstadt, Birthälm u.a.
Hans Eckart Schlandt


DER ORGELBAUER CARL AUGUST BUCHHOLZ

Fast ein Jahrhundert (1788 - 1885) lang lebten und arbeiteten drei Generationen von Orgelbauern der Familie Buchholz in Berlin. Der Vater, Johann Simon Buchholz ist durch seine Lehre bei Adam Rietz, Johann Wilhelm Grüneberg und Ernst Marx gewiss als ein Vertreter der spätbarocken Orgelbaukunst anzusehen, während sein Sohn Carl August Buchholz den Übergang zu der frühromantischen Klangwelt schafft. Unter ihm sollte die Firma erblühen. Ober 100 Neubauten, von einmaligen seitenspieligen Instrumenten bis zu den viermanualigen 32' Orgeln in Berlin (St. Nicolai) und Kronstadt, wurden aufgestellt. Beide liegen jedoch in der Tradition des großen Berliner Vorbildes: Joachim Wagner. Dieser hatte durch seine Werke (insbesondere durch die Orgel der Marienkirche (1721) in Berlin, die Carl August Buchholz restaurierte) Instrumente geschaffen, welche auch gut 100 Jahre später den damaligen Orgelbauern als Modell dienten. Der dritte in dieser Reihe, Carl Friedrich Buchholz, hatte nicht die gleiche Schaffenskraft wie sein Vater und überlebte diesen auch nur um 6 Monate. Er ging unter anderem zu dem französischen Orgelbauer Cavaille Coll in die Lehre und brachte von hier die Bauart der französischen Zungen sowie etliche Bauweisen für pneumatische Steuerungen mit. Mit ihm erlosch die Firma Buchholz, die in weite Teile Vorpommerns, nach Schlesien, in den Berliner Raum und (!) nach Kronstadt Instrumente höchster technischer Qualität und von meisterhafter Intonation geliefert hatte.
Von diesen Zeugnissen frühromantischer Orgelkultur sind leider nur noch Bruchstücke erhalten geblieben. In Berlin zum Beispiel sind von den etwa 20 C. A. Buchholz Orgeln, die einmal da standen kaum noch Teile davon übrig geblieben. Was nach Umbauten, Veränderungen und Umintonationen übrig geblieben war wurde im Krieg gänzlich zerstört. Eine einzige Orgel hat sich hier halten können (heute im Privatbesitz). In Vorpommern sind es eher die abgelegenen Dorforgeln, die heute noch unverändert den Geist der Buchholzschen Klangwelt bergen. Einige Restaurierungen bringen diese Klänge wieder auf ihre ursprüngliche Frische zurück und die anspruchsvollen Renovierungsprojekte in Barth und Stralsund zeigen das Interesse an dem Werk dieses Orgelbauers.
Durch sein Zusammenwirken mit dem Architekten Karl Friedrich Schinkel und den Organisten August Wilhelm Bach und Carl August Haupt entsteht eine glückliche Symbiose zwischen Orgelprospekt, Disposition und technischer Ausführung. A. W. Bach war unter anderem auch der Orgellehrer des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Was Carl August von seinem Vater unterscheidet ist die kräftigere, rundere Intonation, die er seinen Orgeln gab. Desgleichen baute Carl August Buchholz einen größeren Umfang sowohl im Manual als auch im Pedal. Auch die Verwendung des Schwellwerkes, wenn auch in einer sehr frühen Form, finden wir in diesen Orgeln. Er kann auch als der Erfinder der so genannten "Keilschleife" gelten, die nur die Firma Buchholz verwendete. Dieses System bewährte sich wiederholt unter schweren klimatischen Bedingungen, wie stark schwankender Feuchtigkeit (z.B. in der Nähe von Gewässern) und kann als Erkennungsmerkmal der Buchholz Bauweise dienen. Inzwischen sind auch alle Orgeln der beiden Buchholz Schüler Carl Schneider und Heinrich Meywald, die in Siebenbürgen bauten, mit diesem System identifiziert worden. In der Intonation ging er, so nach einem Bericht von C. A. Haupt, nie über die Grenze des natürlichen hinaus und forderte nur das einer Pfeife ab, was sie ihrer Natur nach hergeben konnte. Dadurch erleben wir den Klang dieser Orgeln niemals in aufdringlicher Weise und eine edle, ruhige, silberne Leuchtkraft geht von dem Plenum so einer Orgel aus.
Interessanterweise korrespondieren die Dispositionen des Haupt und Oberwerkes bei großen Instrumenten zu weiten Teilen mit denen der Marienorgel von Joachim Wagner. Diese Orgel hatte Buchholz im Jahre 1829 weitgehend zurückgeführt nachdem sie nach dem Prinzip von Abbé Vogler simplifiziert wurde. Ein anderes Großprojekt, wo wir Buchholz als einen einfühlsamen "Restaurator" kennen lernen, ist die Arbeit an der großen Stellwagen Orgel in der Stralsunder Marienkirche. In behutsamer Weise konservierte er schon damals wichtiges historisches Material und fügte ihr nur wenige Änderungen zu. Als Anerkennung seiner Leistungen erwies ihm die Berliner Akademie der Künste die Ehre, ihn 1851 in ihre Reihen aufzunehmen. Dabei blieb Buchholz stets ein sehr bescheidener Mensch. Er hinterließ kaum Spuren in den Orgeln die auf den Erbauer hinweisen und pries auch nicht seine Erfindungen in den Orgelzeitschriften an, wie viele seiner Kollegen es taten.
Wenn man nun seine Hinterlassenschaft betrachtet, muss man unweigerlich feststellen, dass er als Orgelbauer auf höchste Genauigkeit, Liebe zum Detail und kompromisslose Qualität bedacht war. Die Sauberkeit der Lötstellen aller Metallpfeifen in Kronstadt und die Qualität der Verarbeitung bis ins kleinste Detail und das bei edelster Intonation lassen uns diesen leider in so wenigen Werken erhaltenen Künstler in allerhöchster Bewunderung erscheinen. Steffen Schlandt

ARBEITEN AN DER BUCHHOLZORGEL 1998 - 2001

Nach der Einweihung der Hesse Orgel (Oktober 1997) bat mich Eckart Schlandt verschiedene Register der Buchholzorgel durchzustimmen. Nach genauem Betrachten der Pfeifen, erkannte ich, dass eine Stimmung der Orgel in diesem Zustand nicht sinnvoll ist. Ich empfahl, das gesamte stark verschmutzte und zerdrückte Pfeifenwerk zu reinigen und zu restaurieren. In Eckart Schlandt's Augen sah ich Freude, gleichzeitig aber auch Bedrücktheit. Wie soll eine so große Arbeit durchgeführt und finanziert werden? Am letzten Abend bei der Familie Schlandt suchten wir nach einer Lösung,' die für die Kirchengemeinde Kronstadt wie auch für meine Orgelbaufirma in der Schweiz finanziell und arbeitstechnisch zu bewältigen war. Wir einigten uns, die Arbeiten über vier Jahre zu verteilen, mit der Zusicherung, die Orgel während dieser Zeit spielbar zu halten. Dieses in Anbetracht der traditionellen Orgelkonzerte, die im Sommer drei mal pro Woche stattfinden. Für die Finanzierung gewann man dadurch auch mehr Zeit. Die Kirchengemeinde Kronstadt sicherte uns als ihren finanziellen Beitrag, die Materialkosten, sowie Kost und Logis zu. Ich hoffte, wie für die Hesseorgel, auch wieder Spender in der Schweiz zu finden. Zusammen mit Barbara Dutli und Jürg Leutert versandten wir hunderte von Bettelbriefen, organisierten Benefizkonzerte und Kollekten zu Gunsten der Buchholzorgel in der Schwarzen Kirche in Kronstadt.
Vor dem Beginn der Arbeiten war uns bewusst, dass wir, historisch gesehen, ein einzigartiges Instrument von Carl August Buchholz in einem außerordentlich guten Zustand vorfanden. Im August 1998 reisten wir mit dem Einladungsschreiben der Kirchengemeinde und einem vollgeladenen Bus nach Kronstadt, um mit der ersten Etappe zu beginnen. Für die nächsten vier Jahre richteten wir auf der Südempore eine Pfeifenwerkstatt und Orgelbauerei ein. Jedes Jahr standen uns drei bis vier rumänische Studenten freiwillig zur Verfügung, um einfachere Arbeiten auszuführen. Mit Pfeifenbürsten, Lappen, Wasserkübeln und Staubsaugern halfen sie tatkräftig bei der Reinigung mit. Auch waren zwei rumänische Orgelbauer zeitweise als Mitarbeiter einbezogen.

Über die vier Jahre verteilt wurden sämtliche 3.993 Pfeifen ausgebaut und gereinigt. Die Metallpfeifen wurden gerundet, die stark beschädigten Füße gerichtet und die schadhaften Stellen gelötet. Die Holzpfeifen waren in so gutem Zustand, dass nur einige Stöpsel und Vorschläge neu beledert werden mussten. Alle Pfeifenstöcke wurden abgeschraubt und gereinigt (Untersatz 32' / Principal 32', fanden wir von Buchholz original genagelt vor). Die Keilschleifen wurden poliert und der seitliche Federdruck neu einreguliert. Die Spielventile wurden teilweise neu beledert. Dank der genauen Dispositionsbeschreibung der Orgel durch Heinrich Mauss (1873), war es uns möglich, die wenigen Veränderungen in den Registern wieder zu ordnen. Im Jahre 1966 wurde die Orgel im Zuge der Barockisierung wie folgt verändert
1. Hauptwerk: 16' Cornett wurde auf 8' umgestellt
2. Unterwerk: Flauto traverso 8' wurde durch einen 1' ersetzt 
3. Unterwerk: Progressio harmonica III - V fach wurde mit höher liegenden Chören verändert
4. Pedal: Nasard 10 2/3' wurde durch eine Oktave 2' ersetzt
5. Pedal: Mixtur IV wurde mit einer Quinte 1 1/3' aufgehellt

Dank der Weitsicht von Eckart Schlandt wurden damals sämtliche ausgebauten Buchholz Pfeifen aufbewahrt, die wir nach dem genauen Sortieren an den ursprünglichen Platz zurückstellen konnten. Alle Pfeifen wurden sorgfältig in der Intonation angepasst, um den Gesamtcharakter der Orgel zu bewahren. Erstaunlicherweise sind alle Pfeifen original auf ihre Tonhöhe geschnitten (keine Stimmhilfen). In einer weiteren Etappe wurden die vier Klaviaturen ausgebaut und restauriert. Die abgegriffenen Beläge wurden ersetzt, Tasten und Koppelwippen neu garniert, zusammengebaut und neu einreguliert. Um den Tastendruck zu verringern, hängten wir die Spieltraktur reversibel auf. Die veränderten Pedaltasten wurden rekonstruiert und das Pedal neu garniert. Zusätzlich waren die Lager der Pedalwellen so stark ausgeschlagen, dass sie neu geachst und gelagert werden mussten.
Eindrücklich und einzigartig ist wohl die Balgkammer mit ihren neun übereinander liegenden Keilbälgen im Turm. Die Kammer wurde gründlich geräumt, das Balghaus gewaschen und die nur leicht defekten Bälge restauriert. Der Winddruck der neuen Anlage (Gebläse mit zwei Kastenbälgen) wurde auf den unveränderten Druck der Keilbälge reduziert. Dadurch ist die Orgel zur Zeit mit beiden Windanlagen spielbar. I. II. IV. Manual haben 80 mm WS, III. Manual + Pedal haben 90 mm WS. Zeitgleich zu den Restaurierungsarbeiten haben wir alle Pfeifen ausgemessen und die Arbeiten fotografisch dokumentiert.
Einen besonderen Dank gebührt der Familie Edith, Eckart und Steffen Schlandt ohne deren unermüdlichen Einsatz, Mithilfe und Gastfreundschaft die Arbeit in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Ein großer Dank gilt den vielen Schweizer Polit- und Kirchgemeinden und hunderten von Privatpersonen, welche unsere Arbeiten über die vier Jahre mitverfolgt und uns mit ihren großzügigen Spenden ihr Vertrauen geschenkt haben. Danken möchte ich der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, die teilweise die rumänischen Hilfskräfte für ihre Arbeit entschädigte. Ich danke herzlich: Steffen Schlandt, Ana Alboteanu, Paul Cristian, Ana-Maria Barabas, Richard Szilagyi, Sergiu Muresian, Janos und Istvan, den Orgelbauern Domokos Palfi und Zoltan Papp. Aus der Schweiz unterstützen uns die Orgelbauer Wolfgang Rehn, Josef Keusch, Johannes Röhrig, Kurt Baumann und Gymnasiallehrer Beat Welti mit ihrer Fronarbeit. Ihnen einen lieben Dank! Ein besonderes Dankeschön gilt Barbara Dutli für ihren vierjährigen, unermüdlichen, oft freiwilligen Einsatz.
Zum Schluss möchte ich meinen Dank der Kirchengemeinde Kronstadt, insbesondere dem Kurator Erwin Hellmann, aussprechen, die mir in den vier Jahren großes Vertrauen
entgegenbrachte. Durch diese Arbeit sind neue wertvolle Freundschaften und eine tiefe Beziehung zu Siebenbürgen entstanden. 
Ferdinand Stemmer

Disposition der Buchholzorgel: Vier Manuale zu 56 Tasten, ein Pedal zu 27 Tasten, 63 Register, 76 Registerzüge

Haupt Manual Superoctave 2' Prinzipal 16'
Prinzipal 16' Mixtur 5 fach Violone 16'
Quintatön 16' Hautbois 8' Subbass 16'
Prinzipal 8' Rohrwerk Manual Nasard 10 2/3'
Gemshorn 8' Fagott 16' Prinzipal 8'
Viola da Gamba 8' Trompete 8' Gemshorn 8'
Rohrflöte 8' Ciarinetto 8' Violone 8'
Nasard 5 1/3' Vox angelica 8' Bassflöte 8'
Octava 4' Violino 8' Quinta 5 1/3'
Waldflöte 4' Rohrflöte 8' Octava 4'
Spitzflöte 4' Prinzipal 4' Mixtur 4 fach
Quinte 2 2/3' Unterwerk Manual Contraposaune 32'
Superoctave 2' Salicional 16' Posaune 16'
Cornett 5 fach Prinzipal 8' Trompete 8'
Scharf 5 fach Viola da Gamba 8' Cornetta 4'
Cimbel 3 fach Gedackt 8' Nebenregister
Oberwerk Manual Flauto traverso 8' 3 Manual Koppeln
Bourdon 16' Octava 4' 1 Pedal Koppel
Prinzipal 8' Viola d'amour 4' 4 Manualventile
Salicional 8' Flauto dolce 4' 2 Pedalventile
Gedackt 8' Gemshorm 2 2/3' 1 Evacuant
Hohlflöte 8' Decima quinta 2' 1 Kalkantenglocke
Quintatön 8' Progressio 1 Crescendo Tritt
Octava 4' Harmonica 3 5fach zum Unter Manual
Fugara 4' Pedal 1 Crescendo Tritt
Rohrflöte 4' Prinzipal 32' zum Zungenwerk 
Nasard 2 2/3' Untersatz 32' Manual


EIN GANZ BESONDERER ANLASS

162 Jahre nach ihrer Fertigstellung erklingt die große Buchholzorgel wieder in ihrer alten Konfiguration. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein Instrument dieser Größe im Laufe der Zeit so wenig Schaden genommen hat. Aber 160 Jahre sind auch an einer Orgel dieser Qualität nicht spurlos vorübergegangen. Neben den materialbedingten Ermüdungserscheinungen gab es auch mechanische Schäden, die auf den Klang der Orgel Einfluß hatten. Nun sind auch diese Schäden, im wahrsten Sinne des Wortes ausgebügelt, die Mechanik überholt, die Pfeifen neu gestimmt, so dass wir hoffen dürfen, in absehbarer Zeit keine größeren Arbeiten durchführen zu müssen.
Es sei erlaubt einige Worte des Dankes auszusprechen: An erster Stelle Ferdinand Stemmer und Barbara Dutli für ihren selbstlosen Einsatz, sowie den vielen Schweizer Mitarbeitern. Dann Prof. Eckart Schlandt, der in dieser Orgel nicht nur ein Instrument sieht und immer wieder gemahnt hat, diese Arbeiten durchzuführen. Gedankt sei den freiwilligen Helfern, die in ihrer Freizeit Hand angelegt haben, oft unentbehrliche Handlangerdienste getan haben. Und nicht zuletzt sei all denen gedankt, die durch ihre Spenden die finanzielle Basis gesichert haben, seien es Privatpersonen oder Organisationen. Ohne ihre Hilfe stünden wir jetzt nicht vor diesem vollendeten Werk.

Es ist interessant, die Beschlüsse des Presbyteriums über den Bau der Orgel, die Vergabe des Auftrages und dann die Abnahme derselben, zu lesen. Wir müssen uns in diese Zeit zurückversetzen, es ist eigentlich keine gute Zeit, etwas so epochal Neues zu schaffen. Wir sind im Vormärz, alles was nach Neuem aussieht, wird von der Zensur peinlichst geprüft. Neue Gedanken sind verpönt. Die wirtschaftliche Lage ist auch nicht ideal. Die Zünfte, die ihre Rechte noch voll ausüben, sind zu einer Bremse in der wirtschaftlichen und vor allem in der technischen Entwicklung geworden. Sie lehnen alles Neue vor allem die modernen Techniken ab. Und doch beginnen in Kronstadt schon 1836 die Vorbereitungen zu dem Bau der neuen Orgel. Notwendig war es, denn diese beeindruckende Kirche, musste sich nach dem großen Brand von 1689 mit Flickwerk begnügen. Dann aber, als es darum ging ein neues Werk zu bestellen, sah man nicht auf den Kreutzer. Nach einer ausführlichen Umschau, heute nennen wir es Marktforschung, erhielt die Orgelbaufirma Buchholz in Berlin den Auftrag. Der Vertrag sah die für damalige Verhältnisse riesige Summe von rund 50.000 Gulden Wiener Währung vor. Als dann das Werk fertig war, waren die Kronstädter so zufrieden, dass sie dem Meister einen wertvollen Pokal aus Silber und einen schweren goldenen Ring schenkten. Bei der Einweihung am 17. April gab es nur Stimmen der Freude und Bewunderung für die Schönheit und Macht der Orgel.
Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde für die Orgel gefährlich. Es wurden Stimmen laut, die verlangten, dass dieses "antiquierte" Werk modernisiert werden sollte, damit man nicht hinter der Zeit zurückbleibe. Vor allem nachdem die Kirchengemeinde Hermannstadt eine neue Orgel bestellt hatte, wollten viele nicht zurückstehen. Sei es nun Zufall oder wirklicher Kunstverstand, das Presbyterium der Honterusgemeinde lehnte alle diese Ansuchen mit der nicht zu widerlegenden Behauptung ab, es sei kein Geld vorhanden. Zu dieser Zeit wurde der Neubau des Honterus Gymnasiums errichtet, der ein Vielfaches dessen kostete, was zu einem Umbau der Orgel notwendig gewesen wäre. Die Orgel blieb erhalten. Einer anderen Gefahr entging die Orgel im ersten Weltkrieg, dem so viele Glocken und Orgeln zum Opfer fielen, als für die Kriegswirtschaft alle verfügbaren Ressourcen an Buntmetall angezapft wurden. Auch im zweiten Weltkrieg erlitt die Orgel keine kriegsbedingten Schäden.
Wir sind überzeugt, dass die Orgel auch in Zukunft eine Funktion erfüllen wird, an die selten gedacht wird: Sie vermittelt dank ihres Klanges und des Könnens des Organisten nicht nur die Werke der Orgelmusik, sie hat dabei und dadurch noch eine weitere wichtige Wirkung: Sie bringt Menschen näher, sie wird zum Mittler zwischen Kulturen, sie gewährt vor allem jungen Menschen einen Einblick in eine andere Kultur. Sie bringt die mitteleuropäische Musiktradition in das orthodox geprägte Umfeld. Es ist immer ein Gefühl der Freude und bestärkt die Hoffnung in die Zukunft, wenn man sieht, wie beeindruckt viele junge Menschen nach einem Orgelvorspiel die große Kirche verlassen. Heute, in einer Zeit in der so viel von Völkerverständigung geredet wird, ist die Musik ein nicht zu vernachlässigender Beitrag.
Und zum Schluss sei noch daran erinnert, dass die Kronstädter das Glück hatten, im 20. Jahrhundert mit den Organisten, von Lassel über Bickerich, Walter Schlandt zu Eckart Schlandt, die nicht "nur" Organisten waren, sondern auch das Musikleben Kronstadts mitbestimmten. Hier sei besonders an Prof. Bickerich erinnert, der in den Jahren des schlimmsten Proletkultismus große Werke der Kirchenmusik aufgeführt hat, dem es gelang, die sommerlichen Orgelvorspiele einzuführen, die bis heute weitergeführt werden.
Oft fragen wir uns selbst, oft werden wir gefragt: wie wird es weitergehen. Gerade nach dem Abschluss einer so großen Arbeit stellt sich diese Frage wieder: Für wen? Wir sollten hier mehr Gottvertrauen haben. Es zeigt sich, dass eine neue Generation auch für die Orgel der Schwarzen Kirche herangewachsen ist. Wenn man das Spiel der jungen Organisten Steffen Schlandt oder Paul Cristian hört, dann kann man sicher sein, dass dieses Instrument noch viele Jahre in seiner vollen Schönheit erklingen wird. So betrachtet, ist diese Aktion ein sichtbares Zeichen Gottes, der "das schwankende Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden
Docht nicht löschen" wird. 
Erwin Hellmann
 

Anmerkung: 
Die Original-Broschüre ist erhältlich unter  ISBN 3-9807949-1-1 
Verlag Wort und Welt & Bild


Letztes Update dieser Seite: 31. Dezember 2001

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