HOG Kronstadt
Ludwig Hesshaimer (1872 - 1956)
Ludwig Hesshaimer wurde am 10. März 1872 in Kronstadt geboren. Seine Vorfahren mütterlicherseits waren Pfarrer, Lehrer und Musiker, in der Linie des Vaters waren es vorwiegend erfolgreiche Kaufleute. Nach den ersten Kindheitsjahren zog die Familie nach Stockerau bei Wien und von dort im Jahre 1878 nach Triest. Hier entdeckte der inzwischen 5jährige sein Interesse für die Briefmarken. Er schreibt darüber in seinen Erinnerungen: "In diesen jungen Jahren entdeckte ich meine Liebe zu Briefmarken. Ich wurde ein leidenschaftlicher Sammler. Nicht so sehr der Geldwert, den ich bald schmerzlich zu spüren bekam, interessierte mich, sondern die Bilder, die wunderbare Kleinkunst und Kleinstgraphik. Da ich kein Geld besaß, sammelte ich alles, was ich fand, in der Natur, auf der Straße oder zu Hause, und tauschte. Ob es farbige, glitzernde Steine, Muscheln, Schmetterlinge, Käfer oder mein Butterbrot, das meine Mutter mir täglich zur Schule mitgab, mein angerostetes, aber unentbehrliches Taschenmesser oder sonstwas, alles wurde für Marken eingetauscht. Früher als durch den Schulunterricht wurde mir die geographische Einteilung unseres Globus durch meine Marken erschlossen. Ein Atlas war mein bester Ratgeber, um exotische Marken zu identifizieren. Aber manches erfuhr ich auch in Gesprächen mit Matrosen, wenn ich im Triester Hafen umherschlenderte und die vor Anker liegenden Dampfer bestaunte. Mit der Zeit entwickelte ich einen ausgeprägten Spürsinn, um verkannte, verlorene, in staubigen Ecken oder alten Kartons vergessene Briefmarken zu entdecken. Ich wurde immer wieder fündig. Vater brachte mir die begehrten kleinen Dinger von der Post aus seinem Büro, und ich tauschte sie mit meinen Schulkameraden. Aber ich stieß auch auf einen skurrilen Sammlerkollegen: den alten Apotheker vom Dorf. Dieser freundliche Kauz sammelte Orangenschalen, trocknete und zerrieb sie und verarbeitete sie zu einer wohlschmeckenden Mixtur. Zwischen uns begann ein schwunghafter Tauschhandel. Ich heftete mich an die Sohlen aller Orangenesser der Familie, hatte immer mein weißes Leinensäckchen bei der Hand und sammelte jedes Restchen der Schalen. War dann das Säckchen gefüllt, so tauchte ich mit erwartungsvollem Gesicht bei meinem alten Pillendreher auf, der mit freundlichem Gebrumm im dunklen Hintergrund der anstoßenden Kammer, die voll geheimnisvoller Flaschen und Tiegel war, zu stöbern begann. Ich hörte, wie Laden auf- und zugezogen wurden und Schachteln klapperten, dann kam der Alte schmunzelnd aus dem dunklen Raum, breitete auf dem Ladentisch alte Briefschaften aus, und ich durfte wählen und aussuchen. Meistens durfte ich alles behalten. O Glückseligkeit! Die Eltern ließen mich gewähren, um so mehr, als ich mich durchaus nicht für den materiellen Wert der Marke übermäßig empfänglich zeigte, sondern, je älter ich wurde, den bildhaften Inhalt und die künstlerische Form schätzte. Wofür ich später als erwachsener Sammler mit Überzeugung und Beharrlichkeit kämpfte, begann in meiner Jugend: die Loslösung des Philatelisten von dem künstlich in die Höhe getriebenen Wertbegriff nur im materiellen Sinne. Die durch den Poststempel "entwertete", also wertlos gewordene Marke wurde immer mehr durch spekulative und geschäftliche Praktiken neuerlich zu einem "Wertpapier" gemacht. Schacher- und Wuchergeist waren bestrebt, über Kunst und Romantik zu siegen. Da ich mit Temperament für die ideellen Werte der Briefmarke kämpfte, wuchs ich in den späteren Jahrzehnten zu einem unbequemen Störenfried für "materielle Seelen".
Gleichzeitig aber wurde in mir der Graphiker wach, der ich dann später auch wirklich werden sollte. Nur aus dem Gefühl und der grübelnden Vorstellung heraus fing ich bald an, nicht nur die einzelnen Drucktechniken der Marke zu unterscheiden, sondern es dämmerte mir bald eine Ahnung von der Entstehung der verschiedenen Druckformen. Aus meinem harten Tintengummi schnitt ich mit meinem Federmesser Stempel: Buchstaben und Monogramme. Und ich erfand auf diese Weise, als Bastler, noch einmal das Prinzip des Holzschnittes und Kupferstiches. Obwohl ich die Ausdrücke Hoch-, Tief- und Flachdruck noch nie gehört, weder Metall- noch Stein- oder Holzdruckplatten in jener Zeit gesehen hatte, wurde mir dies alles auf eine ganz einfache und klare Weise bewußt. In späteren Jahren, selbst zur Übung der verschiedenen graphischen Techniken gelangend, wußte ich theoretisch schon alles, und die praktische Erfahrung wurde bloß eine Bestätigung. Mit der Zeit entwickelte ich mich als Autodidakt zu einem kleinen Druckfachmann. Mit untrüglichem Scharfblick erkannte ich nicht nur die Druckarten, sondern auch jede gefälschte Marke.
Meines ersten Freundes Sympathie hatte ich dadurch gewonnen, daß ich ihm eine wunderschöne und wohlerhaltene versteinerte Muschel schenkte, die ich am Strand unter Klippen gefunden hatte. Das trug nun Früchte. Der Vater des Freundes, ein reicher Kaufmann, in dessen Kontor Briefe aus aller Welt eintrafen, schickte mir ein großes Paket so schöner Marken, daß es mir schier den Atem verschlug. Die Sammlung wuchs und mit ihr mein Eifer und meine Freude, aber auch meine Kenntnisse in vielen Wissensgebieten.
Die Vorliebe für die schöne Marke ist von Anfang an in mir vorhanden gewesen. Schon als Knabe war ich ein Schönheitssucher, der ich mein Leben lang bleiben sollte. Mit dem graphischen Einfühlungsvermögen wuchs meine Liebe für den bildhaften Inhalt. Durch intensive Betrachtung der Marken, das Hineinsehen in jede Einzelheit, in jeden Strich, das Nachdenken über Inhalt und Form, künstlerischen Aufbau und Beschriftung, bereicherte ich mich und bildete im Unterbewußtsein die Grundlage meiner künftigen künstlerischen Anschauungen."
Das Interesse Ludwig Hesshaimers an Briefmarken und Kunst blieb auch über seine Jugend, den Ersten Weltkrieg sowie die Nachkriegsjahre bestehen. Nach mehreren für Österreich gezeichneten Entwürfen, die von der Post jedoch nicht angenommen wurden, erschienen 1930 die ersten von ihm entworfenen Briefmarken. Es ist eine Ausgabe Islands zum 1000jährigen Bestehen des Allthings (Landtag). Die Mittelstücke der aus 16 Werten bestehenden Briefmarkensatzes entstanden zum Teil nach Skizzen einheimischer Künstler; der Rahmen wurde von Hesshaimer entworfen. Zwei Jahre später erschien eine Flugpostausgabe von Kolumbien. Die 15 Werte des Satzes zeigen Landeserzeugnisse; entworfen wurden sie von Hesshaimer gemeinsam mit D. Suffrian.
Es folgten mehrere Ausgaben für das Fürstentum Liechtenstein. Hermann E. Sieger, Gründer und Kurator des Fürstlich-Liechtensteinischen Postmuseums sowie Berater der Liechtensteinischen Post, hat der Postverwaltung des Fürstentums empfohlen, Briefmarken von Ludwig Hesshaimer entwerfen zu lassen. Die erste für das Fürstentum entworfene Ausgabe war der 1934-1936 erschienene und aus 5 Werten bestehende Briefmarkensatz, der Adler in verschiedenen Flugpositionen zeigt. Im Mai 1936 erscheint ein Satz aus zwei Werten, der den Überflug Liechtensteins durch Luftschiffe würdigt. Auf der einen Marke ist das Luftschiff LZ 129 "Hindenburg" über dem Rheintal und der Schaaner Kirche zu sehen, auf der zweiten Marke überfliegt das Luftschiff LZ 127 "Graf Zeppelin" das Flugfeld in Schaan-Ried.
1939 erschien eine aus sieben Werten bestehende Vogelserie, deren Entstehung Ludwig Hesshaimer in einer "pilatelistisch-künstlerischen Plauderei" wie folgt schildert: "Der Auftrag der Regierung enthielt die Weisung, ich hätte nur jene Vögel zur Darstellung zu bringen, die im Luftraum des Fürstentums vorkämen. Nach Besprechungen mit dem hochverdienten Direktor des Schönbrunner Tiergartens, Prof. Dr. Antonius, stellte ich eine Liste auf, in der sogar noch Störche, Reiher und Schwäne vorkamen, die nach seiner Ansicht als Bewohner unseres mitteleuropäischen Luftraumes auch die Lüfte von Liechtenstein durchflögen. Hierauf machte ich im Schönbrunner Tiergarten und in den Bildarchiven Studien ganz allgemeiner Art, die vorläufig mit der künftigen Briefmarke gar nichts zu tun hatten. Dann erst, daheim in meiner Werkstatt, zeichnete ich das Markenmotiv, eine mir besonders wirkungsvoll erscheinende Flug- oder Raststellung, machte auch, wenn ich das Bedürfnis empfand, Studien in sehr vergrößertem Maßstab und ging dann erst an das Zeichnen der Marke selbst. Diese muß nun im bestimmten Raum- und Flächenverhältnis geschaffen werden mit sorgsam abgewogenen Licht- und Schattenräumen und der dazu passenden Schrift und Wertziffer.
Die fertigen Entwürfe meiner kleinen Liechtensteinmarken wurden dann vorgelegt, gewünschte Änderungen in Text und Form noch vorgenommen, und schließlich wurden die Marken in Guaschmalerei, das heißt in schwarz und weißen Deckfarben, unter Berücksichtigung aller Feinheiten und besonders der Lichtwirkung ausgeführt.
Die fertigen Entwürfe wurden dann bei der schweizerischen Kunstanstalt Courvoisier in Rastertiefdruck, dem großen modernen Konkurrenten des Stiches, durch fotografische Verkleinerung und Übertragung auf einen Kupferzylinder gedruckt. Die Wirkung des fertigen Markenbildes hängt natürlich stark von der gewählten Farbe ab. Da aber die Marken in verschiedenen Farben gedruckt wurden, so ist auch in dieser Richtung ein feinempfundenes Abwägen nötig, bis schließlich die ganze Reihe in harmonischer Geschlossenheit vorliegt."
Im Jahr 1950 übersiedelte Hesshaimer zu seiner Tochter nach Brasilien, hier fertigte er seine letzten Briefmarkenentwürfe, die jedoch nicht zur Ausgabe gelangten. Aus Anlaß der Briefmarkenausstellung WIPA 1981 erscheint in Ungarn im selben Jahr ein Briefmarkenblock. Die vier in den Block aufgenommenen Marken zeigen Werbemarken, die Hesshaimer für die WIPA 1933 entworfen hatte. Eine späte Ehrung erlebte Hesshaimer auch durch die Postverwaltung von Antigua & Barbuda: Der Hintergrund einer Briefmarke zu Ehren von Hermann Ernst Sieger beruht auf einer Zeichnung von Ludwig Hesshaimer.
Außer Briefmarken entwarf Ludwig Hesshaimer auch eine Reihe von Erinnerungs- und Festkarten, unter anderem für Philatelistentage und Ausstellungen. Aus seiner Feder stammen Werbemarken für die Wiener Internationale Postwertzeichen-Ausstellung von 1923 und 1933, ebenso wie Federzeichnungen von "Philatelistenköpfen", die er während Fachtagungen in München und Neuhaldensleben fertigte und die porträtähnliche Abbilder von prominenten Teilnehmern auf diese originelle Weise festhielten. Eine weitere Besonderheit im Schaffen des Grafikers und Philatelisten Hesshaimer sind seine Philatelistenstiche, die insgesamt 13 verschiedene Grafiken höchst eigenwilliger Art enthalten.
Insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Ludwig Hesshaimer für die organisierte Philatelie. 1921 wurde er erster Präsident des Verbandes Österreichischer Philatelisten. Er übt dieses Amt 20 Jahre aus. Unter seiner Präsidentschaft wurden zwei philatelistische Auszeichnungen Österreichs geschaffen. Für Verdienste um die philatelistische Forschung wurde die Österreichische Verbandsmedaille eingeführt. Die Medaille zeigt auf der Bildseite einen Postreiter sowie ein Wiener Stadttor, sie trägt die Umschrift "Verband Österreichischer Philatelistenvereine". Die Rückseite hat die Umschrift "Für Verdienste um die philatelistische Forschung", in der Mitte ist der Name des Inhabers und das Jahr der Verleihung eingraviert. Der Entwurf der Medaille stammt von Ludwig Hesshaimer, ausgeführt wurde sie vom Bildhauer Placht. Verdienste um die philatelistische Organisation würdigt die silberne Hesshaimer-Plakette. Sie zeigt den Kopf Hesshaimers, darüber den Namen Ludwig Hesshaimer sowie die Jahreszahl 1928, darunter "Verband Österreichischer Philatelistenvereine" und in einem rechteckigen Feld eingraviert den Namen des Inhabers sowie das Jahr der Verleihung. Die Plakette wurde vom Bildhauer Placht entworfen und ausgeführt. Auch in seiner neuen Heimat Brasilien war Hesshaimer in der Jury von Briefmarkenausstellungen tätig.
Ludwig Hesshaimer hat es nie überwunden, daß die Postverwaltung Österreichs keine seiner Entwürfe angenommen hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Verlassen Europas geriet er in Vergessenheit. Erst im Oktober 1992 wurde er mit einem Sonderstempel gewürdigt und im Mai dieses Jahres widmete ihm der Verband Österreichischer Philatelisten-Vereine eine Sonderschau aus Anlaß der 75jährigen Verbandsgründung.
von Uwe Konst
Letztes Update dieser Seite: 02. März 1998
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