HOG Kronstadt



JOHANNES HONTERUS
(1498 -1549)

veröffentlicht im Aldus-Verlag Kronstadt

Verfasser: Gernot Nussbächer

Johannes Honterus ist der bedeutendste siebenbürgisch-sächsische Humanist und der Reformator der Siebenbürger Sachsen. Er selbst schrieb seinen Namen anfangs Honter und zog erst später die latinisierte Form Honterus vor. Es ist schwer, sein Leben, sein Werk und seine Bedeutung in Kürze zusammenzufassen, weil es eine sehr reiche einschlägige Literatur gibt und trotzdem noch viele ungeklärte Fragen der Honterusforschung bestehen. So soll im Folgenden versucht werden, das Wichtigste über Honterus vorzustellen.
Johannes Honter wurde der Überlieferung nach im Jahre 1498 als Sohn eines Lederermeisters [Jorg Austen Lederer] in Kronstadt in der Schwarzgasse [heute Nr. 40] geboren.
Im Jahre 1520 wurde er an der Wiener Universität immatrikuliert [Johannes Aust, Auschut oder Anschut] und erwarb dort 1522 den akademischen Grad eines Bakkalaureus [Johannes Holerl und 1525 den Titel eines Magisters der freien Künste [Johannes Holler Coronensis]
Im Oktober 1529 weilte er in Regensburg beim Humanisten Johannes Turmair-Aventinus [Johannes Hynter, Hunterus].
Am 1. März 1530 wurde Honterus in die Matrikel der Krakauer Universität eingeschrieben [Johannes Georgii de Corona, artium magister Viennensisl. In Krakau veröffentlichte er im Jahre 1530 seine beiden humanistischen Hauptwerke: eine lateinische Grammatik (1532 - 1562 noch 15-mal neu aufgelegt) und Grundzüge der Weltbeschreibung (in Krakau 1534, in Basel 1534 - 1585 fünfmal sowie in Venedig - in italienischer Übersetzung 1599 neu aufgelegt)
In den Jahren 1530 - 1533 weilte Honterus in Basel, damals einem der Mittelpunkte hunianistischer Verlagstätigkeit. Er arbeitete als Lektor bei der Herausgabe von Werken antiker Schriftteller (Claudius Claudianus, Cyrus Prodromus) und vervollkommnete sich in der Technik des Holzschnitts. Während seines Baseler Aufenthaltes hatte Honterus Beziehungen zu allen sechs damals dort tätigen Druckereien. Im Jahre 1532 fertigte Honterus zwei Sternkarten nach Albrecht Dürer an. Sein bedeutendstes Werk aus dieser Zeit ist die 1532 in Basel gedruckte Siebenbürgen-Karte [Chorographia Transylvaniae Sybemburgen], die erste kartographische Darstellung dieses Landes.
Im Jahre 1533 kehrte Honterus über Kaschau und Großwardein in seine Vaterstadt zurück und erfuhr hier zahlreiche Ehrungen [Neujahrsgeschenk 1534, Hochzeitsgeschenk 1535 u.a.]. Er wurde in die Hundertmannschaft (den äußeren Rat) und 1536 als Ratsherr in den (inneren) Stadtrat berufen.
In Kronstadt widmete sich Honterus besonders der Bildung und Erziehung der Jugend. Zu diesem Zweck gründete er die erste Druckerei in Kronstadt, deren Erzeugnisse ab 1539 erhalten geblieben sind. [Vorher waren ab 1508 in Targoviste und ab 1529 in Hermannstadt Bücher gedruckt worden, so daß in Kronstadt die drittälteste Druckerei des Landes bestand. Chronologisch folgten darin die Druckereien in Klausenburg 1550, Großwardein 1565 und Weißenburg 1567].
In der Honterusdruckerei wurden 1539 die ältesten erhaltenen Schulbücher des Landes gedruckt, darunter die ersten griechischen Bücher, die hierzulande herausgebracht wurden, ebenso die ältesten erhaltenen lateinischen Druckwerke, die ältesten Ausgaben antiker Schriftsteller sowie das älteste Rechtsbuch des Landes. Im Jahre 1542 erschien hier als Anhang zur Endfassung der Weltbeschreibung der älteste Atlas minor, 1543 das älteste erhaltene Druckwerk in deutscher Sprache im Lande, 1544 der erste gedruckte Rechtskodex, der im Lande entstand. In der Honterusdruckerei erschienen die Hauptschriften der Reformation in Siebenbürgen: das Refotmationsbüchlein für Kronstadt und das Burzenland (1543) und die Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen mit der Agenda (1547). Auch der älteste Musikdruck des Landes, die Odensammlung von 1548, gehört zu den wichtigsten Erzeugnissen der Honterusdruckerei.
[In dieser Druckerei wirkte 1556 - 1583 auch der bedeutendste rumänische Buchdrucker des 16. Jahrhunderts, Diakon Coresi, der hier die meisten der rumänischen und kirchenslawischen Bücher jener Zeit auch mit Unterstützung der sächsischen Stadtrichter Johannes Benkner und Lukas Hirscher herausbrachte].
Im Zusammenhang mit Druckerei und Schule wurde auf Honters Anregung im Jahre 1546 die älteste Papiermühle des Landes in Kronstadt errichtet, die später Papier für die Druckereien Siebenbürgens und der Walachei sowie für die fürstlichen Kanzleien Siebenbürgens, der Walachei und der Moldau lieferte.
Die in den Dienst der Schule gestellte Drucktätigkeit war nur ein Teil der von Honterus der Erziehung und Ausbildung der Jugend gewidmeten Arbeit. Sein großes Verdienst ist die Umgestaltung der alten Stadtschule (seit 1388 nachweisbar) in die erste humanistische Lehranstalt Siebenbürgens. Dafür veranlaßte Honterus im Jahre 1541 den Bau eines neuen Schulgebäudes anstelle eines Klosters. Die Schüler dieser Anstalt boten im Jahre 1542 die erste nachweisbare Theateraufführung des Landes.
Durch die "Constitutio Scholae Coronensis" (Verfassung der Kronstädter Schule) von 1543 ist Honterus auch der Urheber der ältesten Schulordnung unseres Landes, die erstmals eine Schülerorganisation - den "Coetus" - einführte, nach dem Grundsatz der Schülerselbstverwaltung. Auf Anregung von Honterus wurde 1547 für die Schule ein eigenes Bibliotheksgebäude errichtet, der erste Zweckbau dieser Art hierzulande, der die berühmte Schulbibliothek beherbergte [die aber bei dem großen Stadtbrand am
21. April 1689 fast ganz vernichtet wurde].
Wegen seiner großen Verdienste und der hohen Wertschätzung die ihm deswegen allgemein entgegengebracht wurde, beauftragte der Kronstädter Stadtrat im Frühjahr 1543 Honterus mit der Abfassung des Buches über "Die Reformation der Kirche in Kronstadt und in der gesamten Burzenländer Provinz“. Darin werden die im Zuge der Reformation durchgeführten Maßnahmen zusammengefaßt. Im Mai 1543 verfaßte Honterus dann die "Apologie" - eine Verteidigungsschrift der Kronstädter Reformation -, die dem Landtag Siebenbürgens in Weißenburg Anfang Juni 1543 mit Erfolg vorgelegt wurde.
Durch diese Schriften wurde der Humanist Johannes Honterus zum Reformator der Siebenbürger Sachsen, denn nach dem Vorbild von Kronstadt wurde nach Empfehlung der Wittenberger Reformatoren auch die Reformation in Hermannstadt durchgeführt und schließlich auf dem ganzen Gebiet der "Sächsischen Nationsuniversität“, des politischen Selbstverwaltungsgebietes der Siebenbürger Sachsen.
Im Frühjahr 1544 wurde Johannes Honterus zum evangelischen Stadtpfarrer von Kronstadt gewählt. Er hatte auch maßgeblichen Einfluß bei der Ausarbeitung der „Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen“, die im Frühjahr 1547 in Hermannstadt beschlossen wurde und 1550 von der Sächsischen Nationsuniversität zu Richtschnur für alle Sachsen erhoben worden ist. Von besonderer Bedeutung ist das zehnte Kapitel, das die Errichtung von Schulen und die Versorgung der Lehrer vorsieht und damit die rechtliche Grundlage für den allgemeinen und kostenlosen Schulbesuch wurde. In Kronstadt ist 1544 auch die älteste Mädchenschule des Landes nachweisbar. Die Kirchenordnung von 1547 bildete den Ausgangspunkt für die besondere Entwicklung des Schulwesens der Siebenbürger Sachsen in den folgenden Jahrhunderten.
Am 23. Januar 1549 starb Johannes Honterus. Sein Mitarbeiter Hieronymus Ostermayer, Organist an der Pfarrkirche und bedeutender Chronist seiner Zeit, schrieb über ihn: "Dieser Mann war ein Mann, seinem Vaterland zu dienen und was demselbigen nutz, zu fordern und zu fordern". Mit Honters Tod endete nicht auch die Wirkung seiner Persönlichkeit und seines Werkes.
Das von Honterus in Kronstadt begründete humanistische Gym-nasium hat im 16. Jahrhundert eine bedeutende Rolle im kulturellen Leben Siebenbürgens gespielt. Dies geschah sowohl als Folge des weitläufigen Herkunftgebietes seiner Schüler als auch als Folge der breiten räumlichen Streuung der späteren Wirkungsorte seiner Absolventen. Mit seinem Aufbau, seiner Lehrverfassung, mit seiner Schülerorganisation und der Schulbibliothek war das Honterusgymnasium in Kronstadt beispielgebend für die Schulen in weiten Teilen Siebenbürgens.
Mit dem Jahre 1546 beginnt die lange Reihe der Nachdrucke von Honters Kosmographie von 1542. In Zürich erschienen bei Christoph Froschauer von 1546 - 1602 sechzehn Auflagen, in Antwerpen von 1552 -1560 fünf Auflagen, weitere Ausgaben wurden in Basel, Rostock, Prag und Köln bis zum Jahre 1600 gedruckt.
Aus dem ersten Buch der Kosmographie wurden 1575 Teile in Augsburg nachgedruckt, das zweite und dritte Buch wurden noch 1618 in Paris neu gedruckt. Ebenso wurden die Landkarten aus Honters Atlas minor in zahlreichen Auflagen von anderen geographischen Werken verwendet.
Besonders langlebig war das vierte Buch der Weltbeschreibung, eine Zusammenfassung des naturkundlichen Wissens jener Zeit. Wegen seiner großen Brauchbarkeit im Unterricht wurde es zuerst 1572 in den "Thesaurus eruditionis scholasticae" von Basilius Faber aufgenommen und in 15 Auflagen bis 1692 in Leipzig, Heidelberg, Wittenberg und Frankfurt am Main herausgebracht. Weitere Nachdrucke wurden von Theophilus Golius in Straßburg (1579 - 1620, zehn Ausgaben), dann Nathan Chytraeus in Lemgo (1590 und 1596, zwei Ausgaben), Abraham Saurius in Frankfurt am Main ( 1592 - 1615, drei Ausgaben) und Albertus Molnar in Hanau (1611 und 1640, zwei Ausgaben) veranstaltet.
Dr. Gerhard Engelmann schrieb im Jahre 1982: "Honters Kosmographie und ihre Nachdrucke sowie die Einzelwiedergaben der beiden Karten Dacia und Sarmatia verteilen sich im Zeitraum von 1530 - 1692 auf folgende Veröffentlichungen: 69 lateinische Ausgaben für die Gelehrtenwelt und den Schulgebrauch der Humanisten, 40 deutsche Ausgaben von Sebastian Münsters Kosmographie und Johannes Stumpfs Schweizerchronik für den deutschen Leserkreis sowie 10 französische und 7 italienische Ausgaben, insgesamt 126 Veröffentlichungen in 162 Jahren. Dies war für Honter ein Erfolg, dessen sich kein (siebenbürgisch-) sächsischer Gelehrter bis zum heutigen Tage zu rühmen vermag". Inzwischen sind noch mehr Ausgaben bekannt geworden.
Noch einige Urteile von Zeitgenossen: Martin Luther nannte ihn "Evangelist des Herren". Philipp Melanchthon bezeichnet ihn als "Mann von vorzüglicher Gelehrsamkeit und Tugend, der die frommen Studien der Lehre in der Stadt Kronstadt in Siebenbürgen leitet“.
Der Schweizer Kosmograph Sebastian Münster urteilte: "ein Kronstädter namens Honterus.... der alle Holzschneider unserer Zeit bei weitem übertrifft, ein sehr gelehrter Mann..."
Der Humanist kroatischer Abstammung und Domherr in Weißenburg schrieb über ihn: "Honterus hat Siebenbürgen bekannter und die Stadt Kronstadt berühmter gemacht, ihm sind die Grundlagen zum Ruhm und Ansehen des Vaterlandes zu verdanken."
Das 19. Jahrhundert führte - ausgehend von der 300-Jahrfeier des Honterusgymnasiums im Jahre 1845 - zu einer Neubelebung der Honterusverehrung, die im Jahre 1898 einen Höhepunkt anläßlich der 400-Jahrfeier von Honters Geburt erreichte. Damals wurde vor dem Turm der Schwarzen Kirche das eherne Standbild des großen Humanisten und Reformators enthüllt, das der Berliner Bildhauer Harro Magnussen geschaffen hatte. Es erschienen mehrere Biographien und eine Auswahl von Honterus-Schriften. Nach wertvollen Honterus-Forschungen zwischen den beiden Weltkriegen, gab die 475-Jahrfeier seit der Geburt von Honterus im Jahre 1973 einen neuen Anstoß zur Erforschung und Würdigung seines Lebens und Werkes. Im Hinblick auf die bevorstehende 500-Jahrfeier von Honters Geburt brachte der Bukarester Kriterion-Verlag mit Hilfe des Arbeitskreises für siebenbürgische Landeskunde im Jahre 1996 den Band von Prof. Dr. Ludwig Binder "Johannes Honterus - Schriften, Briefe, Zeugnisse" heraus, der außer einer umfassenden Darstellung seines Lebens und der Vorstellung seines Werkes seine wesentlichsten Schriften in deutscher Übersetzung einem großen Leserkreis zugänglich macht.

 


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Letztes Update dieser Seite: 03. August 1998


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