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Amalie Dietrich - eine Naturforscherin in Siebenbürgen

von Isa Leonhardt

Mit der folgenden biographischen Skizze soll der wohl bedeutendsten Natur- und Australienforscherin des 19. Jahrhunderts und ihrer Verbindung mit Siebenbürgen gedacht werden.

Amalie Concordia Dietrich wurde 1821 in Siebenlehn nahe bei dem durch Dom und Silbermannorgel bekannten Freiberg in Sachsen geboren. 1846 heiratet die naturwissenschaftlich begabte junge Frau den Apothekergehilfen und Naturforscher Wilhelm August Salomo Dietrich. Das junge Paar sammelt auf ausgedehnten Fußreisen, die nach Nord- und Mitteldeutschland, in die österreichischen Alpen und nach Polen führen, Pflanzen, präparieren diese , stellen sie zu Sammlungen zusammen und verkaufen sie an wissenschaftliche Einrichtungen und Sammler. 1848 wird die Tochter Charitas geboren. Die Ehe scheitert jedoch schnell, wird aber nie geschieden.

In den Jahren nach der Trennung von ihrem Mann und der Auflösung des Haushalts macht sich Amalie selbständig und setzt die mit ihrem Mann begonnenen Sammel- und Verkaufsreisen fort. Bei einer dieser Reisen lernt sie 1862 Johann Cesar Godeffroy kennen. Er ist Eigentümer des damals größten Hamburger Seehandelshauses mit Beziehungen zu Amerika, Südostasien und Australien, fördert aber auch großzügig die naturwissenschaftliche Forschung.

1863 verläßt Amalie Dietrich Hamburg auf dem Klipper „La Rochelle“ in Richtung Australien. 1873 kehrte sie nach Deutschland zurück und wird Kustodin im Museum Godeffroy in Hamburg. Als die Firma Godeffroy später Konkurs macht, gehen Teile des Godeffroyschen Museums in den Besitz der Stadt Hamburg über.

In diesen zehn Jahren trägt Amalie Dietrich im Auftrag von Godeffroy in dem damals noch wenig erforschten Australien mehr als 20000 Pflanzen, Tiere, ethnographische Gegenstände, menschliche Schädel und Skelette zusammen. Sie entdeckt 640 Pflanzenarten, von denen mehrere nach ihr benannt werden, und präpariert über 240 Vogelarten. Das ist die bis dahin größte, je von einer Einzelperson geschaffene Sammlung von zoologischem und botanischem Material.

Wo ist ihr Bezug zu Siebenbürgen?

Entscheidende Hinweise sind Amalie Dietrichs Tochter Charitas, verheiratete Bischoff, zu verdanken, die zu ihrer Zeit eine erfolgreiche Schriftstellerin war. Sie lebte von 1848 bis 1925. Sowohl in Amalie Dietrichs eigener Biographie „Bilder aus meinem Leben“ als auch in der von Charitas Bischoff verfaßten Biographie „Amalie Dietrich : Ein Leben“ kommt Siebenbürgen häufig vor. In den „Bildern aus meinem Leben“ beschreibt Amalie Dietrich ihren Aufenthalt um 1853 in Bukarest. Sie und ihre Tochter Charitas befinden sich beim Bruder ihrer Mutter, Karl Nelle, der als Wandergeselle dorthin kam. Doch nimmt die Mutter eines Tages von ihrer Tochter Abschied: „Ich gehe weit fort, nach Siebenbürgen“.
Grund dieser Reise nach Siebenbürgen ist die Anstellung bei einer Müllerfamilie in der Nähe von Kronstadt. Amalie soll der Hausfrau in den Sommermonaten zur Hand gehen.

Amalie läßt ihre Tochter in Bukarest zurück und begibt sich auf die beschwerliche dreitägige Reise mit dem Planwagen nach Kronstadt. Sie ist überwältigt von den Naturschönheiten. Die Dörfer und Flecken, in die sie kommt, zeigen ihr während der Rast eine fröhliche, leichtlebige, aber arme Bevölkerung, die wenig Bedürfnisse zu haben scheint. Endlich, auf der Höhe des Predeal, kommt sie an die walachische Grenze. Hier muß der Paß vorgezeigt werden und nun geht’s nach Siebenbürgen. Der Eindruck, der Amalie hier empfängt, ist ein durchaus anderer. Bei den Siebenbürger Sachsen fühlt sie sofort, daß Fleiß und Mühe den Boden zu einem viel reicheren Erfolg zwingen, der seinen Eigentümern Behaglichkeit und Wohlstand gewährt. Einen freundlichen Eindruck hinterlassen die in den fruchtbaren Tälern überall zerstreut liegenden, an den Berg sich anlehnenden Dörfer. Endlich kommt Amalie in Kronstadt an. Wie ein Juwel liegt diese schöne Stadt inmitten der Karpaten. Hier findet sie dasselbe bunte Völkergewirr vor wie in Bukarest. Hier erwartet sie der Müller, dessen Frau sie unterstützen soll, und nach kurzer Rast geht es hinaus in eines der lieblichen Täler, in dem die Mühle liegt.
Es folgt die Beschreibung ihres Aufenthaltes, ihrer Tätigkeit bei den Müllersleuten und über ihre Sammeltätigkeit. Und sie zitiert auch drei Strophen des Liedes „Siebenbürgen, Land des Segens“. Ihre Tätigkeit ist beendet, sie bekommt noch einige Tage Urlaub. Mit dem Tragkorb auf dem Rücken tritt Amalie ihre Wanderung an. Diese Reise wird ihr schönster Lohn für alle Anstrengungen des Sommers sein. Auf ihrer Wanderung kommt sie durch Zigeuner- und Walachendörfer. Wo es ihr besonders gefällt, da verweilt sie. Interessant erscheint ihr die malerisch gekleidete, stets fleißige Walachin, gleich, ob sie spinnt, wo sie auch geht und steht, oder ob sie, die Ware auf dem Kopfe tragend, den Weg zum Markt in der Stadt macht. Und wenn sie vor ihrer Lehmhütte sitzt, umgeben von ihren zerlumpten und halbnackten Kindern, immer drehen die rastlosen Finger die schnurrende Spindel.

Dann zieht es Amalie hinauf in die erhabene, schweigende Gebirgswelt. Die Vegetation ist hier von einer Kraft und Üppigkeit, wie sie ihr nie zuvor entgegentrat. Staunend sieht sie, wie die mächtigen Edeltannen ihre Gipfel in den blauen Äther strecken. Und je höher sie steigt, desto mehr verändert sich das Bild. "Der üppige Pflanzenwuchs hörte auf, kahler und steiler wurde der Aufstieg, aber schöner und freier der Ausblick in die Ferne".

Unter ihr liegt das herrliche Burzenland, durch das sich der Burzen wie ein silbernes Band durch die grüne Ebene schlingt. Weit in die Runde grüßen die burgartig befestigten Kirchen von den Gipfeln der Berge. Zu ihren Füßen liegt fern im Sonnenglanze die Krone unter den Städten – Kronstadt.

Manche ihr unbekannte Pflanze wandert in den Bergen in ihren Tragkorb. Ihre Aufmerksamkeit wird gefesselt durch die andere eigentümliche Art des Gesteins, das ihr Fuß berührt. "Ein Ausruf der Überraschung entfuhr ihr. Sie hob den Stein auf und betrachtete ihn genau, und wie durch einen Zauberschlag berührt, fühlte sie sich weit, weit weg versetzt. Sie sah sich im Geiste in ihrem kleinen Heimatstädtchen auf dem Forsthof, sie sah die grünen Schränke, sie las das Schild "Petrefakten"“. Dorthin, nach Siebenlehn in Sachsen, gelangten später ihre siebenbürgischen Funde.

Charitas schreibt in ihrer Biographie: „Nach langer, langer Zeit kam eines Tages die Mutter wieder. Ich mußte sie immer ansehen, sie kam mir so fremd vor, sie sah jünger und wohler aus, und mir schien, sie war vergnügter und gesprächiger“.

Soweit die an die erwähnten Biographien angelehnte Beschreibung dessen, was Amalie Dietrich ihrer Tochter später über Siebenbürgen erzählte.

Mit dem Tod der Amalie Dietrich im Jahre 1891 verlieren sich die wissenschaftlichen Spuren dieser außergewöhnlichen Frau. Die siebenbürgischen Funde wurden, so schreibt Charitas Bischoff, von Kronstadt nach Siebenlehn geschickt. Im nahegelegenen Roßwein wurde erst in den siebziger Jahren eines ihrer Herbarien entdeckt. Aber wo mögen wohl gerade die siebenbürgischen Funde geblieben sein?

Benutzte Literatur:
Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben. Berlin: Grote, 1912
Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben. Mit einem Nachwort herausgegeben von Günter Wirth. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1981
Charitas Bischoff: Amalie Dietrich : Ein Leben. Berlin: Grote, 1909
Charitas Bischoff: Amalie Dietrich : Ein Leben. Mit einem Nachwort herausgegeben von Günter Wirth. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1980 (3. Auflage)


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Letztes Update dieser Seite: 10.11.2008


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